Saisonrückblick IDM | Lauf 6 – Schleizer Dreieck

Nach fast 7 Wochen „IDM-Pause“ führte mich Lauf 6 der IDM wieder tief in den Osten der Republik, durch den Thüringer Wald (eine sehr schöne Anfahrt mit dem Motorrad!) zum berühmt-berüchtigten Schleizer Dreieck. Einer Traditionsrennstrecke, die aber eher ein „Road-Race“ ist und größtenteils auf öffentlichen Kreis- bzw. Landstraßen stattfindet. Kein moderner, „künstlicher“ Rennkurs mit entsprechenden Auslauf- oder Sturzzonen sondern eben normale Straßen, die rechts und links von Feldern, Wiesen, Wäldern oder Zäunen nebst extra aufgestellten Reifenstapeln gesäumt werden.
Traurigerweise hatte es am Vorwochenende in Schleiz einen tödlich verunglückten Motorradfahrer gegeben, der bei deutlich über 200 km/h in der berüchtigten „Seng“ (eine extrem schnelle Bergab-Links) stürzte und weder durch das dortige Kiesbett noch durch den ca. 30-40 m dahinterliegenden Reifenstapel gestoppt wurde.

Und so faszinierend, wie ich als Fotograf dort am Donnerstag die Strecke (dank einer wundervollen Streckenumfahrung mit der örtlichen Pressebetreuerin in deren Privat-KFZ) auch fand, so sehr „beängstigte“ mich die ein oder andere Stelle – sowohl aus Sicht eines Motorradfahrers, der ich ja selber bin, bei der Vorstellung dort am Limit mit deutlich über 200 km/h lang zu ballern, als auch aus Sicht des Rennsportfotografen, der lediglich von einem „frei stehenden“ Reifenstapel oder einem Bauzaun geschützt in der Einflugschneise eines stürzenden Fahrers stehen würde, sollte dort eben ein Fahrer zu Sturz kommen…

Halt echtes Road-Racing, wie es sonst wohl nur noch von den Rennen auf der Insel (Isle of Man, NW200 u.ä.) und dem dortigen Wahnsinn getoppt werden kann. Aber auch etwas, was wirklich „die Sinne schärft“ und von allen Beteiligten (auf und eben neben der Strecke) zu jeder Zeit eher 110% als nur 100% an Konzentration, Aufmerksamkeit und auch „Sprungbereitschaft“ fordert.

So ging es Freitag früh morgens dann für mich an die Strecke, die ich im Laufe des Tages 1x komplett (zu Fuß, wie immer) umrunden sollte. Dabei führte mich mein Weg zuerst zum naheliegenden Buchhübel (eine durchaus „flotte“ Links, die blind über eine Kuppe kommend von den Fahrern angegangen wird), von dort durch ein Feld runter in Richtung Schleiz, wieder hoch und zurück zur Start-/Zielgeraden, an der davorliegenden Schikane vorbei zur kleinen „Sprungkuppe“ bzw. Wheeliekuppe nach der Seng, runter zur Seng (ok, zuerst „hoch“ oberhalb der Seng auf einen Hügel und danach erst runter) wo ich hinter dem besagten Reifenstapel hockte, über den Tage zuvor Motorrad und Fahrer beim tödlichen Unfall geflogen waren, danach durch einen Wald-Trampelfpfad wieder hoch (ja, wirklich hoch!) in Richtung Schleiz (wo ich im Wald an einem kleinen Weg in Richtung Straße stehend einen weiteren heftigen Abflug sehen / fotografieren musste) zur Querspange. Dort habe ich dann auch noch ein paar Bilder geschossen, bin durch Schleiz durch an der Querspange entlang (soweit das „in der Nähe“ ging) und endete schließlich ca. 200m unterhalb der Stelle, an der ich am Vormittag wieder umgekehrt war Richtung Buchhübel (dort kommen die Fahrer von oben runter gefahren, müssen hart anbremsen und links in die Querspange mit Schickane einbiegen – verpassen sie den Bremspunkt geht es gerade aus in einen Bauzaun, so geschehen bei einem der Challenger am nächsten Tag, der genau dort in den Zaun einschlug, wo ich am Tag zuvor noch stand…).

Diesen Weg habe ich über den gesamten Freitag verteilt beschritten und als ich dort unten stand, war eigentlich nur noch das erste Qualifying meiner „Gladtiatoren“ aus der Gladius Trophy angesetzt. Aus irgend einem, mir bis heute unerklärlichen Grund, entschied ich mich jedoch dafür, das Qualifying nicht mehr zu fotografieren (hatte die Jungs & Mädels ja bereits bei 2 Turns an dem Tag fotografiert) und machte mich auf den beschwerlichen Rückweg hoch zum Fahrerlager und meinem Zelt, welches ich in Schleiz zum ersten Mal als Unterkunft bei meinen Hufnagels als „Basis“ aufgestellt / genutzt habe.

Und als ich dann nach ca. 30 min. oben im Fahrerlager ankam (wegen Entfernung zur Strecke zwischenzeitlich kaum etwas vom Qualifying mitbekommen), wurde das Q1 auch mit roten Flaggen abgebrochen…

Ich habe – wie üblich – meine Bilder überspielt, etwas getrunken nach dem anstrengenden Tag & Marsch, Bilder gesichtet usw. und mir keine weiteren Gedanken gemacht. Als ich dann aber – gerade in meinem Zelt hockend und meine Ausrüstung verstauend – neben mir im Suzuki-Zelt die traurige Ansage hören musste, dass der gestürzte Fahrer (Richie, den ich gerade zuvor am Nürburgring erst persönlich kennen gelernt hatte) bei dem Unfall sein Leben verloren hatte, war für mich das ansonsten wirklich tolle, gut besuchte und mit reichlich Partystimmung versehene Schleiz-Rennwochenende bereits am Freitagabend gelaufen. Natürlich – möchte man sagen – habe ich auch am Samstag und Sonntag noch die diversen Klassen fotografiert, Sonntag einschließlich des Rennens der GSX-R Challenger, da hier ja Colin am Start war, aber trotz grandiosem Zuschauerzuspruch (> 34.000 Zuschauer am WE) und einer unüberhörbaren Party der Zuschauer am Samstag, Schleiz 2015 wird für mich immer ein tiefschwarzes Wochenende bleiben…

Ein paar wenige Bilder aus Schleiz sind auf meiner Facebook-Seite online.

Meine Bilanz des Wochenendes:
Dank Motorrad-Anreise und Zeltübernachtung die Kosten gering gehalten (Sprit, etwas Essen vor Ort), Bildverkauf aber gleich Null (2 Fahrer, 32 EUR), viele wirklich tolle, „einmalige“ Bilder gemacht, die so nur in Schleiz machbar sind – aber am Ende wirklich ALLES davon völlig irrelevant und nebensächlich, weil der tödliche Unfall und weitere schwere Stürze mit massivsten Verletzungen all das überschattet haben… :( Die wirklich dunkle Seite des Sports kennengelernt bzw. miterleben müssen – und nur durch (glückliche) Zufälle sind andere Unfälle / Verletzungen auch unter / mit uns Fotografen ausgeblieben. Das musste ich erst einmal verdauen bzw. verarbeiten – wie ich offen eingestehen muss – und es beschäftigt mich auch jetzt wieder, wo ich diese Zeilen niederschreibe.

Weiter geht es mit Lauf 7 | Assen (NL)

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